Häcker - Portfolio - ein Medium im Spannungsfeld zwischen Optimierung und Humanisierung des Lernens

Thomas Häcker unterscheidet zwischen Selbstbestimmung und Selbststeuerung. Es seien Begriffe, die keinesfalls synonym verwendet werden dürfen.

Selbstbestimmung bedeutet, dass die Lernenden sowohl Inhalt und Lernziele als auch Lernformen und Methoden mitbestimmen können. Der Begriff Selbstbestimmung bezieht sich auf die inhaltlich-thematischen und regulativ-operativen Aspekte des Lernens. Die Selbststeuerung hingegen beschränkt sich auf die regulativ-operativen Aspekte. Selbststeuerung ist demnach ein Bestandteil der Selbstbestimmung. In Bezug auf diese Unterscheidung werden zwei weitere Begrifflichkeiten genannt. Nach Häcker zielt die Selbstbestimmung auf eine Humanisierung oder auch Subjektivierung des Lernens, d.h. eine Bewahrung des Sinn- und Bedeutungsaspektes im Lernen, während die Selbststeuerung auf eine Optimierung des Lehrererfolgs, d.h. eine Steigerung der Effizienz und Effektivität des Lernens, zielt.

Die Forderung nach Selbstbestimmung als emanzipatorisches Bildungsziel erwirkt ein „pädagogisches Grunddilemma“. Lehrkräfte befinden sich in einem Zwiespalt. Eine weitreichende Mitbestimmung der Schüler führt dazu, dass das Erreichen gesellschaftlich vorbestimmte Lernziele nicht gewährleistet ist. Für den Lehrer relevante Themen könnten völlig ausgelassen werden. Das Konzept der Selbststeuerung soll zur Lösung dieses Dilemmas beitragen. Auf diese Weise werden den Lernenden gewisse Freiräume zugesprochen ohne die Lernziele außer Acht zu lassen. In den letzten dreißig Jahren ist der Begriff der Selbststeuerung gegenüber dem Begriff der Selbstbestimmung in Deutschland deutlich in den Vordergrund getreten. Häcker betont jedoch, dass selbstgesteuertes Lernen eine Scheinlösung sei. Eine Abtrennung der inhaltlich-thematischen von den regulativ-operativen Aspekten und eine Beschränkung auf die regulativ-operativen Aspekte des Lernens bewirken einen Verlust von „ Lernsinn“ und somit auch einen Verlust der Lernmotivation.

Das Portfolio stelle definitiv eine Methode der Förderung von selbstgesteuertem Lernen dar. Selbststeuerung kann gleichermaßen aus fremdbestimmten wie aus selbstbestimmten Prozessen herrühren. Selbststeuerung kann die Fremdbestimmung sogar steigern. Welche Folgen lassen sich erkennen? Es führt zu „Portfolio-Verdruss“. Die Schüler nehmen das Portfolio als Lernmedium wahr, das wie die meisten vorbestimmte Lernergebnisse erzwingen will. Häcker versucht zu verdeutlichen, dass Portfolioarbeit im Unterricht, die sich allein auf Selbststeuerung konzentriert und Selbstbestimmung abgelehnt, problematisch ist. Er insistiert darauf, das Portfolio als Instrument selbstbestimmten Lernens zu verwenden.

Der Begriff Humanisierung ist meiner Meinung nach ein sehr wichtiger Stichpunkt. Humanisierung von Lernprozessen heißt, dass der Bedeutung der behandelten Themen für die Schüler nachgegangen wird. Schüler entwickeln erst dann Motivation, wenn sie einen Bezug zum Thema aufbauen können, wenn sie Gründe finden, die dem Lernen einen Sinn verleihen. Humanisierung trägt demnach zum nachhaltigen Lernen bei. Portfolios sollten unbedingt Humanisierung des Lernens implizieren. Allerdings teile ich nicht die Meinung, dass man Portfolios von jeglicher Fremdregulierung befreien sollte. Mitbestimmung der Schüler in allen Bereichen der Portfolioarbeit läuft Gefahr relevante Bildungsziele, welche im Lehrplan verzeichnet sind, zu verfehlen. Die Schüler könnten annehmen, dass sie alles machen können, was sie wollen. Die Lehrer wären nahezu überflüssig. Das selbstbestimmte Lernen sollte daher in einem abgesteckten Rahmen erfolgen.

 

Quelle:

Häcker, Thomas (2007): Portfolio - ein Medium im Spannungsfeld zwischen Optimierung und Humanisierung des Lernens. In: Gläser-Zikunda, Michael/Hascher, Tina (Hg.). Lernprozesse dokumentieren, reflektieren und beurteilen. Lerntagebuch und Portfolio in Bildungsforschung und Bildungspraxis. Bad Heilbrunn: Klinkhardt. S. 63-85

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