Thomas Häcker: Portfolio- ein Medium im Spannungsfeld zwischen Optimierung und Humanisierung des Lernens

In dem Text “Portfolio- ein Medium im Spannungsfeld zwischen Optimierung und Humanisierung des Lernens” von Thomas Häcker geht es im ersten Teil um die Unterscheidung der Begriffe “Selbststeuerung” und “Selbstbestimmung”.

Der Begriff „Selbststeuerung“ ist im Duden (2014) als eine „automatische Steuerung“ definiert. Ich verstehe unter dem Begriff in Bezug auf die Schule, dass die Schüler zu Beispiel Materialien im Lernprozess selber wählen dürfen (wie wird gelernt). Für Häcker sind folgende Punkte in Verbindung mit der „Selbststeuerung“ wichtig: Autonomie, Mündigkeit und Erziehung zu lebenslangem Lernen. Er betont, dass die Selbstbestimmung in den vergangenen Jahren der Selbststeuerung vorrangig sei. Das Portfolio werde diesem Bereich zugeschrieben (vgl. Häcker, 2007: p. 63f). Außerdem ziele die Selbststeuerung im Lernprozess auf die Mitbestimmung bei regulativ- operativen Aspekten ab (vgl. ebd.: p. 65).

Bei der „Selbstbestimmung“ hingegen können die Lernenden auch über Inhalte (was wird gelernt) entscheiden. Für den Bereich der Politik beschreibt der Duden (2014) diesen Begriff als „Unabhängigkeit des bzw. der Einzelnen von jeder Art der Fremdbestimmung (gesellschaftliche Zwänge, staatliche Gewalt).“
Hier sieht Häcker die Mitbestimmung der Lernenden bei thematisch- inhaltlichen Aspekten (vgl. Häcker, 2007: p. 64). Zudem spricht er in diesem Zusammenhang von einer „Humanisierung des Lernens“. Ich verstehe unter „Humanisierung“ etwas menschlich zu gestalten, während bei der „Optimierung“ der menschliche Aspekt fehlt. Hier wird etwas einfach bestmöglich gestaltet (vgl. ebd.: p. 70).
Um die Unterschiede zu verdeutlichen, habe ich in den folgenden Tabellen die beiden Begriffe auf der Grundlage des Textes von Thomas Häcker gegenübergestellt:

Vorteil der Selbstbestimmung Vorteil der Selbststeuerung
- gilt als Merkmal eines gebildeten Menschen - dient dem Erreichen vorbestimmter Lernziele
- ist der Maßstab für didaktisches Handeln und Denken - beinhaltet gewissen Grad an Mitbestimmung
- Ausdruck und Ziel menschlicher Freiheità eigene Lebensführung

 

Nachteil der Selbstbestimmung Nachteil der Selbststeuerung
- Zwiespaltà thematisch/inhaltliche Mitbestimmung steht dem Erreichen meist gesellschaftlich vorbestimmter Lernziele gegenüber - einseitige Betonung führt zum Verlust vom Lernsinn
- selbstbestimmtes Lernen kann nicht garantiert werden - kann zur Verschärfung von Problemen des schulischen Lernens führen (vor allem im motivationalen Bereich)
- bei freier Themenwahl werden bestimmte Bereiche völlig ausgelassen - das Einfordern von Selbststeuerung fördert eventuell die Fremdbestimmung im Lernprozess

(vgl. Häcker, 2007: p. 63- 66)

Der Text deutet an, dass wir, aufgrund der Zuwendung zur Selbststeuerung, mehr und mehr um die Inhalte und Ziele betrogen werden. Dies zeigt sich am Beispiel der Schule auch an den Lehrplänen. Sie sollen die Schüler zu mündigen Menschen machen und geben gleichzeitig vor, mit welchen Bereichen sich die Lernenden zu beschäftigen haben. (http://www.lehrplan.lernnetz.de/)

Die Frage nach dem Maß an Fremd- und Selbstbestimmung wird in einem weiteren Teil des Textes angesprochen. Wer Fremdbestimmung als Möglichkeit in den Bildungsprozess einräume, müsse auf die ungelöste Frage, wie aus Heteronomie Autonomie wird, antworten können (vgl. ebd.: p. 66). Heteronomie bedeutet, laut Duden (2014), „Abhängigkeit, Unselbstständigkeit, von außen her bezogenen Gesetzgebung“, während Autonomie im Gegensatz dazu für Unabhängigkeit und Selbstständigkeit steht.

In einem anderen Abschnitt des Textes geht es um den Begriff „Emanzipation“. Nach Schulz, so Häcker (2207: p.66), könne Unterricht nicht emanzipieren, sondern nur emanzipatorisch relevant sein. Die Aufgabe der Lehrer sei es, die unkritische Verinnerlichung bestehender Verhältnisse zu relativieren.
Diese Aussage erinnert mich an die Epoche der Aufklärung. Auch Immanuel Kant wollte die Menschen aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit befreien und sie zu selbstständigen Bürgern machen, die nicht blind vorgegebenen Autoritäten vertrauen, sondern selber eine kritische Haltung entwickeln.

Im Verlauf des Textes geht Häcker dann immer konkreter auf die Arbeit mit einem Portfolio ein. Eine interessante Aussage ist dabei folgende:
„ Wie – so fragt sich- kann verhindert werden, dass Portfolioarbeit Teil eines neoliberalem Programms in der Pädagogik wird […]? (ebd.: p. 67)
Das Portfolio komme nur für die Leistung zur Förderung von Selbststeuerung in den Blick, nicht aber zum Aufdecken der Potentiale für ein selbstbestimmtes Lernen (vgl. ebd.: p. 67).
Zum Verständnis der oben zitierten Aussage, hier eine Definition des Begriffs „Neoliberalismus“:

„Denkrichtung des Liberalismus, die eine freiheitliche, marktwirtschaftliche Wirtschaftsordnung mit den entsprechenden Gestaltungsmerkmalen wie privates Eigentum an den Produktionsmitteln, freie Preisbildung, Wettbewerbs- und Gewerbefreiheit anstrebt, staatliche Eingriffe in die Wirtschaft jedoch nicht ganz ablehnt, sondern auf ein Minimum beschränken will.“ (Bundeszentrale für politische Bildung, 2013)

Häcker macht einerseits deutlich, dass das Portfolio eine Möglichkeit ist, eigene Kompetenzen anhand selbstgewählter Leistungsprodukte zu zeigen und als Reforminstrument eine Wende in die Leistungsbewertung zu bringen.
Andererseits müsse man aufpassen, dass es nicht missbraucht werde um vorbestimmte Lernergebnisse sicherzustellen und Lernende auf sanftere aber umfassendere Weise zu kontrollieren. Es dürfe in der Bildung nicht zu einem Unterwerfungsprozess kommen, so Häcker (vgl. Häcker, 2007: p. 71ff).

In seiner Zusammenfassung erkennt man genau dieses Phänomen wieder. Das Portfolio KANN selbstbestimmtes Lernen fördern aber auch genauso gut die Probleme verstärken.
Ich bin der Meinung, es ist eine Idealvorstellung, dass Schüler Inhalte und Ziele vollkommen eigenständig gestalten können oder wenn dies überhaupt möglich ist, bedarf es einer langwierigen Umstrukturierung der Schule.

 

Häcker, Thomas (2007b): Portfolio- ein Medium im Spannungsfeld zwischen Optimierung und Humanisierung des Lernens. In: Gläser- Zikuda, Michaela/ Hascher, Tina (Hg.), Lernprozesse dokumentieren, reflektieren und beurteilen. Lerntagebuch und Portfolio in Bildungsforschung und Bildungspraxis. Bad Heilbrunn: Klinkhardt. S. 63-85

Duden (2014). Selbstbestimmung, die.
URL: http://www.duden.de/rechtschreibung/Selbstbestimmung [Zugriff am 11.03.2026]Duden (2014). Selbststeuerung, die.
URL: http://www.duden.de/rechtschreibung/Selbststeuerung [Zugriff am 11.03.2026]Duden (2014). Heteronomie, die.
URL: https://www.duden.de/rechtschreibung/Heteronomie [Zugriff am 11.03.2026]Duden (2014). Autonomie, die.
URL: https://www.duden.de/rechtschreibung/Autonomie [Zugriff am 11.03.2026]Bundeszentrale für politische Bildung (2013). Neoliberalismus.
URL: http://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/lexikon-der-wirtschaft/20176/neoliberalismus [Zugriff am 11.03.2026]

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